Mit einem „Best of digitaler Themen“ hat die initiative.ulm.digital mit rund 350 Gästen im Wiley Club in Neu-Ulm ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Künstliche Intelligenz, Robotik, Internet der Dinge und Cybersicherheit standen ebenso im Mittelpunkt wie die Menschen, Projekte und Institutionen, die die digitale Entwicklung der Region seit einem Jahrzehnt vorantreiben.
Zehn Jahre initiative.ulm.digital – dieses Jubiläum stand für ein Jahrzehnt gemeinsamer Arbeit an der digitalen Zukunft der Region. Bei ihrer Jahresveranstaltung am vergangenen Dienstag im Wiley Club in Neu-Ulm blickte die Initiative auf die Entwicklung eines Netzwerks zurück, das Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Bürgerschaft miteinander verbindet. Zugleich richtete sich der Blick nach vorn: In Diskussionen, Projektvorstellungen und Gesprächsrunden ging es um technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Herausforderungen und konkrete Möglichkeiten, die Digitalisierung vor Ort zu gestalten. Geboten wurde ein „Best of digitaler Themen“, wie Vorsitzender Heribert Fritz bei der Begrüßung der rund 350 geladenen Gäste angekündigt hatte. Der Abend, an dem Gründungs- und Ehrenmitglied Gunter Czisch ausgezeichnet und der ehemalige Uni-Präsident Professor Dr. Michael Weber zum Ehrenmitglied ernannt wurde, machte deutlich, wie weit die digitale Transformation inzwischen fortgeschritten ist.
KI kontrollieren
Einen Schwerpunkt der Veranstaltung bildete die Künstliche Intelligenz (KI) und den Chancen und Risiken der Technologie sowie darum, wie sie Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt verändert. Auch die Verbindung von digitaler Intelligenz und realer Welt durch Robotik wurde thematisiert. Marco Bühler, CEO der beurer GmbH, und Professor Dr. Michael Denkinger, Leiter des Projekts daheim dank digital, berichteten vom Einsatz von KI bei der Entwicklung von „Sturzuhren“ und anderen medizinischen Geräten, die das Leben von gebrechlichen Menschen sicherer machen. Philipp Utz informierte über Tests mit KI und Robotern, die möglicherweise künftig – mangels Nachwuchses – den klassischen Handwerker beim Bodenverlegen zur Hand gehen oder diese ganz ersetzen können. Andreas Buchenscheit verdeutlichte allgemein die Probleme, die bei einer immer selbständiger agierenden KI entstehen können. Er befand, „dass wir Rahmenbedingungen schaffen müssen“ im Umgang mit Künstlicher Intelligenz, und: „Jede gefährliche Technologie hat ihre Aufsichtsbehörde. Die braucht es auch für KI“.
Das sieht auch Marco Bühler so, für den die KI ganz klar Vorteile für sein Unternehmen und die Wirtschaft hat. KI sei aber die erste Technologie, die sich selbst, ohne den Menschen, optimiert. „Selbst 0,1 Prozent Gefahr, dass die KI die Menschheit ausrottet, ist zu viel“, sagte er unter Beifall. Dennoch bezeichneten alle Interviewten voller Optimismus KI als „große Chance“ für Wirtschaft und Gesellschaft.
Social Media abschaffen?
Welche gesellschaftlichen Folgen die Digitalisierung hat, wurde auch am Beispiel sozialer Medien diskutiert. Diese haben Kommunikation, Information und Vernetzung grundlegend verändert, stehen zugleich aber wegen ihrer Auswirkungen auf öffentliche Debatten und das gesellschaftliche Zusammenleben in der Kritik. Steffen Munk, Rüdiger Linhof und die Influencerin Aurelia Heinz befassten sich mit den Chancen und Herausforderungen sozialer Medien. Die Influencerin sieht Social Media sehr kritisch und würde dies am liebsten abschalten. Die Medizinstudentin riet daher allen Social Media-Nutzern zu regelmäßigen „reality checks“. Immobilienmakler Steffen Munk äußerte sich erleichtert darüber, dass er mit Team Ulm und nicht mit Facebook und TikTok aufgewachsen ist.
Rüdiger Linhof, Initiator der Aktion „Kultur Konvoi“ und Bassist der Band Sportfreunde Stiller, kritisierte Facebook, X und Tiktok und deren Algorithmen, die negativen Themen betonen und antidemokratische Parteien unterstützen. Sein Projekt „Kultur Konvoi“, mit dem Künstler in der angegriffenen Ukraine unterstützt und Krankenwagen in das Land gespendet werden, wird nicht durch Social Media befeuert. „Unser Engagement ist klassisch“. Auch seine Band fremdele eher mit Social Media. „Wir setzen seit 30 Jahren erfolgreich auf Gefühle, Freude, Party, Spaß und Begegnungen bei den Konzerten mit unseren Fans“.
Cybersicherheit und Quantencomputing im Blick
Mit der Vernetzung wächst die Bedeutung einer leistungsfähigen und sicheren digitalen Infrastruktur. Den Schutz kritischer Strukturen und jener Unternehmen und Organisationen, deren Arbeit für das Funktionieren des gesellschaftlichen Lebens unverzichtbar ist, diskutierten die Bank-Vorstände Dr. Stefan Bill (Sparkasse Ulm) und Stefan Hell (Volksbank Ulm-Biberach) , SWU-Geschäftsführer Klaus Eder sowie Björn Jäschke von der Kripo Ulm. Stefan Hell betonte, dass Cybersicherheit „kein IT-Thema ist, sondern Chefsache“ und dass vor allem Cyberangriffe und Schäden an der IT die nächsten Schutzmechanismen beschleunigen. Für Geldinstitute spielten mittlerweile bei Unternehmensanalysen, z.B. für Kredite, auch der Cyberschutz der betreffenden Firma eine Rolle, informierte Dr. Stefan Bill, der ebenso wie Hell auf die vielfältigen Schutzmechanismen gegen Cyberangriffe im eigenen Haus hinwies. „Früher wurde ein Zaun um ein E-Werk gebaut, um die Menschen vor dem Strom zu schützen. Heute muss der Zaun den Strom vor dem Menschen schützen“, verdeutlichte Klaus Eder die Gefahren vor Anschlägen. Außerdem sei die allgemein zugängliche Transparenz bei Daten und Plänen für Kanäle, Leitungen, Kapazitäten und vieles mehr, beispielsweise für öffentliche Ausschreibungen, ein großes Problem, könne jederzeit im Internet recherchiert und schlimmstenfalls ausgenutzt werden.
Digitale Verwaltung und die regionale Domain .ulm
Wie digitale Entwicklungen den Alltag der Bürgerinnen und Bürger konkret verbessern können, wurde am Beispiel der öffentlichen Verwaltung deutlich. Kommunen vereinfachen ihre Dienstleistungen und den Zugang dazu durch eine fortlaufende Digitalisierung, wie die Neu-Ulmer Oberbürgermeisterin Katrin Albsteiger und der Ulmer Oberbürgermeister Martin Ansbacher anschaulich erläuterten. In Ulm seien bereits 1300 Prozesse digital möglich, so der OB, der auch auf Projekte wie Verschwörhaus, Smart City und ein digitales Besucherleitsystem hinwies.
Regionale Top-Level-Domain .ulm jetzt sichern
Die Bewerbung für eine regionale Top-Level-Domain .ulm wurde im Sommer von der initiative.ulm.digital angeregt. Ihre Entwicklung wird nun von der der SWU TeleNet vorangetrieben. „Alles ist sehr positiv“, berichtete Geschäftsführer Henning Krone über aktuelle Entwicklungen um die regionale Internet-Endung und riet den Ulmer Unternehmen, sich eine Ulm-Domain „für kleines Geld“ zu sichern.
Hilfsprojekt „Kultur Konvoi“ unterstützt Ukraine
Rüdiger Linhof, Bassist der Band Sportfreunde Stiller, informierte anschließend über sein Hilfsprojekt „Kultur Konvoi“, mit dem er Künstlerinnen und Künstler in der Ukraine unterstützt, aber auch Rettungswagen ins Kriegsgebiet spendet. „Mit unserer Unterstützung kann man einen Teil dazu beitragen, dass die Ukrainer und auch wir in zehn Jahren in Freiheit leben können“, so der Musiker. Das Leben in der Ukraine sei „zutiefst bedrohlich“ und dennoch sei es „faszinierend zu sehen, wie sich die Ukrainer immer wieder selbst erfinden. „Davon können auch wir lernen“. Besipielsweise Resilienz, die Fähigkeit, Krisen, Rückschläge, Schicksalsschläge oder chronischen Stress, aber auch Krisen in der Wirtschaft ohne dauerhafte Schäden zu überstehen und sich daran anzupassen. Laut Linhof sind die Menschen in der Ukraine „extrem mental belastet“. Das wurde bei die Live-Schaltungen nach Charkiw zu einem Musiker und einem IT-Spezialisten offensichtlich. Letzter berichtete über Cyberangriffe aus Russland. Beide wirkten im Interview mit Linhof sehr gestresst. Musiker Alex sang dennoch live den Song „Shout“ der Band „Tears for Fears“ und bekam für das Kurzkonzert, das emotionaler Höhepunkt des Programms war, langanhaltenden, solidarischen Beifall aus dem Wiley Club. Ein zunächst geplanter musikalischer Vortrag einer Opernsängerin aus Charkiw musste kurzfristig gecancelt werden, da sie sich aufgrund des ständigen russischen Bombardements nicht mehr aus dem Haus traute.
Projekte machen digitale Kompetenzen erlebbar
Wie vielfältig die Arbeit der initiative.ulm.digital ist, zeigten die vorgestellten Projekte. she.codes, Einstein Motorsport, Daheim.Dank.Digital und die Robotik AG stehen für unterschiedliche Wege, digitale Kompetenzen zu vermitteln, technologische Entwicklungen praktisch erfahrbar zu machen und Menschen für die Digitalisierung zu begeistern.
Networking als Kern des Netzwerks
Zum Abschluss des offiziellen Programms zogen Ulrich Becker, Moderator des Festabends und Chefredakteur der Südwest Presse, sowie Heribert Fritz Bilanz. Im Mittelpunkt stand dabei die Entwicklung der initiative.ulm.digital als Netzwerk, das Menschen aus Unternehmen, Hochschulen, Institutionen, Verwaltungen und der Bürgerschaft zusammenbringt. Das zehnjährige Bestehen steht damit nicht allein für die Geschichte eines Vereins, sondern auch für die Ideen, Projekte und Kooperationen, die durch diesen Austausch ermöglicht wurden.
Im Anschluss an das offizielle Programm bot der zweite Teil des Abends Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Bei Networking mit Drinks und Buffet aus der „Seestern“-Sterneküche von Klaus Buderath und Benedikt Wittek konnten die Gäste der Unternehmerinitiative Gespräche vertiefen und Kontakte pflegen. Für die gelungene musikalische Begleitung sorgte das Bar-Jazz-Trio Knudsen – Fessele – Streit.